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MRP – Media Redundancy Protocol

Übersicht

MRP (Media Redundancy Protocol) ist ein industrielles Netzwerkredundanzprotokoll, standardisiert in IEC 62439-2. Es ermöglicht eine schnelle Wiederherstellung der Netzwerkkommunikation bei einem Leitungsausfall in einer Ringtopologie – typischerweise in unter 200 ms, in optimierten Konfigurationen unter 30 ms. MRP ist besonders verbreitet in PROFINET-Umgebungen und der industriellen Automatisierung.


Funktionsweise

MRP basiert auf einem aktiven Ringmanager-Konzept: Ein dedizierter Knoten überwacht kontinuierlich den Ring und reagiert bei Ausfall.

Normalbetrieb

  1. MRM (Media Redundancy Manager): Ein ausgezeichneter Knoten im Ring übernimmt die Rolle des Managers. Er blockiert einen seiner beiden Ring-Ports aktiv, um eine logische Unterbrechung zu erzeugen und Loops (Layer-2-Schleifen) zu verhindern.
  2. MRC (Media Redundancy Client): Alle anderen Knoten im Ring sind Clients. Sie leiten Frames normal weiter.
  3. Test-Frames: Der MRM sendet kontinuierlich MRP_Test-Frames in beide Ringrichtungen. Kommen diese beim MRM an, ist der Ring intakt.
  MRM ──[Port A]── MRC B ──── MRC C ──[Port B]── MRM
        (offen)                              (geblockt)

  Test-Frames laufen im Uhrzeigersinn und gegen den Uhrzeigersinn.

Fehlerfall

  1. Ein Segment bricht – Test-Frames kommen beim MRM nicht mehr an.
  2. Der MRM erkennt den Ausfall (nach Ablauf der konfigurierten Überwachungszeit).
  3. Der MRM öffnet seinen blockierten Port → Der Ring wird zu einem Bus-Segment, Kommunikation bleibt erhalten.
  4. Der MRM sendet MRP_TopologyChange-Frames, damit alle Clients ihre MAC-Tabellen (FDB) sofort leeren und neu lernen.

Wiederherstellung

Sobald der Fehler behoben ist, erkennt der MRM wieder eintreffende Test-Frames und blockiert seinen Port erneut – der Normalzustand ist wiederhergestellt.


Aufbau

Ringtopologie

MRP erfordert eine geschlossene Ringtopologie. Im Gegensatz zu HSR wird der Ring jedoch logisch an einer Stelle unterbrochen (blockierter Port am MRM).

       ┌──── MRC B ────┐
       │               │
  [MRM/Manager]    MRC C
       │               │
       └──── MRC D ────┘
   Port A offen │ Port B geblockt

Knotenrollen

Rolle Kürzel Beschreibung
Media Redundancy Manager MRM Einziger aktiver Manager; überwacht den Ring, blockiert einen Port
Media Redundancy Client MRC Passiver Teilnehmer; leitet Frames weiter, reagiert auf Topology-Change
Media Redundancy Automanager MRA Kann automatisch die MRM-Rolle übernehmen (Aushandlung per Priorität)

Im Ring darf es immer nur einen aktiven MRM geben. Bei MRA-fähigen Geräten wird die Rolle automatisch per Prioritätswert ausgehandelt.

MRP-Frame-Typen

Frame-Typ Richtung Zweck
MRP_Test MRM → Ring → MRM Ringüberwachung
MRP_TopologyChange MRM → alle MRC Aufforderung zum FDB-Flush
MRP_LinkDown / MRP_LinkUp MRC → MRM Schnelle Fehlermeldung bei Port-Statusänderung
MRP_InTest MRM → Interconnection Für gekoppelte Ringe (MRP Interconnection)

OSI-Schichtenmodell

MRP operiert wie HSR hauptsächlich auf den unteren OSI-Schichten:

OSI-Schicht Nr. Relevanz für MRP
Anwendung 7 Nicht direkt betroffen; MRP ist transparent für Applikationen
Darstellung 6 Nicht direkt betroffen
Sitzung 5 Nicht direkt betroffen
Transport 4 Nicht direkt betroffen
Netzwerk 3 Nicht direkt betroffen (IP/PROFINET läuft transparent darüber)
Sicherung 2 Kernschicht von MRP – Ringmanagement, Port-Blocking, FDB-Flush, MAC-basierte Steuerung
Bitübertragung 1 Standard-Ethernet-PHY (100BASE-TX / 1000BASE-T / Fiber), physikalischer Ring

Schicht-2-Details

  • MRP-Frames verwenden eine reservierte Multicast-Adresse (01:15:4E:00:00:01) und einen eigenen EtherType (0x88E3).
  • Das Protokoll arbeitet vollständig auf Layer 2 und ist damit für alle höheren Protokolle (PROFINET, Modbus TCP, EtherNet/IP etc.) vollständig transparent.
  • Die FDB-Verwaltung (Forwarding Database) auf Layer 2 ist zentral für die schnelle Rekonfiguration nach einem Topologiewechsel.

Anwendungsgebiete

MRP ist der De-facto-Standard für Ringredundanz in PROFINET-Netzwerken und darüber hinaus weit verbreitet:

Fertigungs- und Produktionsautomatisierung

  • PROFINET-Netzwerke mit SPS (Siemens SIMATIC, etc.)
  • Fertigungsstrassen mit hohen Anforderungen an Netzwerkverfügbarkeit
  • Roboterzellen und CNC-Anlagen

Prozessautomatisierung

  • Chemische und petrochemische Industrie
  • Wasseraufbereitung und Versorgungsnetze

Maschinen- und Anlagenbau

  • Verpackungsmaschinen, Druckmaschinen, Textilmaschinen
  • Überall dort, wo Managed Switches im Ring verbaut sind

Gebäudeautomation

  • Industrielle Gebäudeleitsysteme
  • Hochverfügbare Etagen- oder Gebäudenetze

Konfigurationsparameter

Parameter Typischer Wert Beschreibung
MRP_TOPchgT 10 ms Intervall für TopologyChange-Frames
MRP_TOPNRmax 3 Anzahl TopologyChange-Wiederholungen
MRP_TSTdefaultT 20 ms Standard-Testframe-Intervall
MRP_TSTshortT 1 ms Kurzes Intervall (schneller Modus)
MRP_TSTNRmax 3–5 Max. verpasste Testframes vor Fehlerdeklaration

Die Wiederherstellungszeit ergibt sich grob aus: MRP_TSTdefaultT × MRP_TSTNRmax + Verarbeitungszeit. Im Schnellmodus sind < 30 ms erreichbar.


Vergleich mit verwandten Protokollen

Merkmal MRP HSR RSTP
Wiederherstellungszeit < 200 ms / < 30 ms 0 ms ~1–30 s
Topologie Ring Ring Beliebig
Aktiver Manager nötig Ja (MRM) Nein Ja (Root Bridge)
Frame-Duplizierung Nein Ja Nein
Bandbreitenverbrauch 1× (+ Test-Overhead)
Hauptanwendung PROFINET IEC 61850 / Energie Allgemeines IT-Netz
Standard IEC 62439-2 IEC 62439-3 IEEE 802.1D

Vor- und Nachteile

✅ Vorteile

  • Schnelle Wiederherstellung (< 200 ms, im Schnellmodus < 30 ms)
  • Kein doppelter Netzwerkverkehr (effiziente Bandbreitennutzung)
  • Weitverbreitet und gut unterstützt in der Industrie (besonders PROFINET)
  • Einfache Konfiguration auf Managed Switches
  • Standardisiert (IEC 62439-2), herstellerübergreifend interoperabel

⚠️ Nachteile

  • Nicht unterbrechungsfrei – kurze Ausfallzeit bei Rekonfiguration (kein Zero Recovery Time)
  • Nur Ringtopologie möglich
  • Exakt ein MRM erforderlich – Fehlkonfiguration (zwei MRM) kann zu Loops führen
  • Alle Geräte müssen Managed Switches oder MRP-fähige Knoten sein

MRP Interconnection (MRP-I)

Für grössere Anlagen können mehrere MRP-Ringe über MRP Interconnection miteinander gekoppelt werden:

  • Verbindet zwei unabhängige MRP-Ringe zu einer gemeinsamen, redundanten Struktur
  • Eigener Protokollmechanismus mit MRP_InTest-Frames
  • Ermöglicht skalierbare, redundante Netzwerke über Ringgrenzen hinaus

Normative Grundlage

Standard Inhalt
IEC 62439-2 Definition des MRP-Protokolls
IEC 61158 / IEC 61784 PROFINET (häufigster Anwendungsrahmen)
IEEE 802.3 Ethernet-Grundlage (physikalische Schicht)

Zuletzt aktualisiert: Mai 2026