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PRP – Parallel Redundancy Protocol

Übersicht

PRP (Parallel Redundancy Protocol) ist ein industrielles Netzwerkredundanzprotokoll, standardisiert in IEC 62439-3 (gemeinsam mit HSR). Es ermöglicht eine unterbrechungsfreie Kommunikation (Zero Recovery Time) bei einem Netzwerkausfall, indem Frames gleichzeitig über zwei vollständig unabhängige, parallele Netzwerke gesendet werden. Im Gegensatz zu HSR ist PRP topologieunabhängig – die beiden Netze können beliebig aufgebaut sein.


Funktionsweise

PRP basiert auf dem Prinzip der Doppelübertragung über zwei disjunkte Netze:

  1. Sendender Knoten (DANP): Jedes PRP-Gerät (DANP – Doubly Attached Node implementing PRP) sendet jeden Frame gleichzeitig und identisch über zwei separate Netzwerkanschlüsse – einen in Netz A (LAN A), einen in Netz B (LAN B).
  2. Parallele Übertragung: Beide Frames laufen unabhängig voneinander durch zwei vollständig getrennte Netzwerke (eigene Switches, eigene Verkabelung).
  3. Empfangender Knoten: Der Zielknoten akzeptiert den zuerst eintreffenden Frame und verwirft das Duplikat anhand der Sequenznummer und Quell-MAC-Adresse (gespeichert in der Duplicate Discard Table, DDT).
  4. Fehlerfall: Fällt ein komplettes Netz aus, kommen die Frames weiterhin über das andere Netz an – ohne jegliche Unterbrechung.
         ┌──────── LAN A (Netz A) ────────┐
         │   Switch A1 ── Switch A2 ...   │
DANP X ──┤                                ├── DANP Y
         │   Switch B1 ── Switch B2 ...   │
         └──────── LAN B (Netz B) ────────┘

  Jeder Frame wird doppelt gesendet – einmal pro Netz.

Zero Recovery Time

Da beide Frames parallel und kontinuierlich unterwegs sind, gibt es bei einem Netzausfall keinerlei Umschaltvorgang und damit 0 ms Wiederherstellungszeit. Dies teilt PRP mit HSR, unterscheidet beide aber grundlegend von MRP oder RSTP.


Aufbau

Zwei unabhängige Netze (LAN A / LAN B)

PRP erfordert zwei vollständig separate Netzwerkinfrastrukturen: - Eigene Switches, eigene Kabel, idealerweise eigene Stromversorgung - Beliebige Topologie innerhalb jedes Netzes (Stern, Ring, Baum etc.) - Beide Netze müssen dieselben Endknoten verbinden

Die physikalische Trennung ist der grösste Stärken- und Kostenfaktor von PRP: Ein einzelner Fehler (Kabelbruch, Switch-Ausfall) betrifft immer nur ein Netz.

Knotentypen

Typ Bezeichnung Beschreibung
DANP Doubly Attached Node implementing PRP Vollwertiger PRP-Knoten mit je einem Port in LAN A und LAN B
SAN Singly Attached Node Normales Ethernet-Gerät ohne PRP-Unterstützung
RedBox Redundancy Box Gateway: verbindet SANs mit dem PRP-Netz; dupliziert Frames stellvertretend

RedBox – Einbindung nicht-PRP-fähiger Geräte

SANs (z. B. ältere Geräte, Standard-Switches) können über eine RedBox am PRP-Netz teilnehmen:

  LAN A ──┐
           ├── RedBox ── SAN (z. B. älterer Drucker, Kamera, PC)
  LAN B ──┘

Die RedBox übernimmt die Frame-Duplizierung und Duplikaterkennung stellvertretend für den SAN.

PRP-Frame-Aufbau (RCT – Redundancy Control Trailer)

PRP fügt am Ende des Ethernet-Frames einen 6-Byte-Trailer (RCT) an – im Gegensatz zu HSR, das einen Header-Tag verwendet:

┌──────────────┬──────────┬─────────────────────────────────┬──────────────────────┐
│ Ziel-MAC (6B)│ Src-MAC  │         Nutzdaten               │  RCT (6 Byte)  │ FCS │
│              │  (6B)    │                                 │ SeqNr│Größe│LanId│    │
└──────────────┴──────────┴─────────────────────────────────┴──────────────────────┘
  • SeqNr: Sequenznummer zur Duplikaterkennung
  • Größe: Länge der Nutzdaten
  • LanId: Kennzeichnet das Netz (A oder B), über das der Frame übertragen wurde

Der RCT ist am Ende des Frames angehängt und für Standard-Ethernet-Geräte unsichtbar bzw. wird als Padding interpretiert – PRP ist dadurch rückwärtskompatibel.


OSI-Schichtenmodell

PRP operiert wie HSR und MRP auf den unteren OSI-Schichten:

OSI-Schicht Nr. Relevanz für PRP
Anwendung 7 Nicht direkt betroffen; PRP ist transparent für Applikationen
Darstellung 6 Nicht direkt betroffen
Sitzung 5 Nicht direkt betroffen
Transport 4 Nicht direkt betroffen (TCP/UDP laufen transparent darüber)
Netzwerk 3 Nicht direkt betroffen (IP-Routing unverändert)
Sicherung 2 Kernschicht von PRP – Frame-Duplizierung, RCT-Anhang, Duplicate Discard Table (DDT), Sequenznummernverwaltung
Bitübertragung 1 Standard-Ethernet-PHY auf beiden Ports (100BASE-TX / 1000BASE-T / Fiber)

Schicht-2-Details

  • PRP arbeitet vollständig auf Layer 2 und ist für alle höheren Protokollschichten transparent.
  • Die Duplicate Discard Table (DDT) auf Layer 2 speichert pro Quell-MAC-Adresse die zuletzt gesehenen Sequenznummern, um Duplikate effizient zu erkennen und zu verwerfen.
  • Kein eigener EtherType notwendig – der RCT wird innerhalb der normalen Ethernet-Frame-Struktur platziert.

Anwendungsgebiete

PRP ist überall dort erste Wahl, wo höchste Verfügbarkeit und Topologiefreiheit gefragt sind:

Energieversorgung & Smart Grid

  • Schutz- und Leittechnik nach IEC 61850
  • GOOSE-Messaging und Sampled Values in Umspannwerken
  • Leitwarten und SCADA-Systeme

Kritische Infrastruktur

  • Kernkraftwerke und andere sicherheitskritische Anlagen
  • Flughafenleitsysteme
  • Bahnsicherungstechnik

Prozessautomatisierung

  • Chemische und petrochemische Industrie
  • Öl- und Gas-Förderanlagen (Offshore/Onshore)

Telekommunikation & Rundfunk

  • Broadcast-Netzwerke mit Nulltoleranz für Paketverlust
  • Synchronisationsnetze (PTP/IEEE 1588 über redundante Infrastruktur)

Konfiguration und Betrieb

Anforderungen

  • Jeder DANP benötigt zwei Netzwerkanschlüsse (physikalisch und logisch getrennt)
  • Beide Netze müssen dieselben DANPs verbinden (symmetrische Infrastruktur)
  • Switches in LAN A und LAN B benötigen keine PRP-Kenntnisse – Standard-Switches genügen

Duplicate Discard Table (DDT)

  • Jeder DANP pflegt eine Tabelle mit Quell-MAC + Sequenznummer
  • Einträge werden nach einem Timeout (typisch wenige Hundert ms) gelöscht
  • Grösse der DDT ist von der Anzahl der Netzwerkteilnehmer abhängig

Vergleich mit verwandten Protokollen

Merkmal PRP HSR MRP
Wiederherstellungszeit 0 ms 0 ms < 200 ms / < 30 ms
Topologie Beliebig (2 parallele Netze) Ring Ring
Frame-Duplizierung Ja (Trailer) Ja (Header-Tag) Nein
Bandbreitenverbrauch
Infrastrukturaufwand Sehr hoch (doppelte Infrastruktur) Mittel (Ring) Mittel (Ring)
Standard-Switches nutzbar Ja Nein (HSR-fähige Geräte nötig) Nein (Managed Switches nötig)
Standard IEC 62439-3 IEC 62439-3 IEC 62439-2
Hauptanwendung IEC 61850 / Energie IEC 61850 / Energie PROFINET / Fertigung

PRP vs. HSR – Geschwisterprotokolle im Vergleich

PRP und HSR sind im selben Standard (IEC 62439-3) definiert und teilen das Grundprinzip der Frame-Duplizierung. Die Wahl hängt vom Anwendungsfall ab:

Kriterium PRP bevorzugt HSR bevorzugt
Topologiefreiheit benötigt
Bestehende Infrastruktur wiederverwendbar
Geringer Platzbedarf / Kabelaufwand
Alle Geräte PRP/HSR-nativ Nicht nötig (RedBox) Erforderlich
Kosten der Netzwerkinfrastruktur Hoch Mittel

Vor- und Nachteile

✅ Vorteile

  • Zero Recovery Time – keine Unterbrechung bei Netzwerkausfall
  • Topologieunabhängig – LAN A und LAN B können beliebig strukturiert sein
  • Standard-Ethernet-Switches ausreichend – keine spezielle Hardware für die Netze selbst
  • Rückwärtskompatibel durch RCT-Trailer-Ansatz
  • Einbindung älterer Geräte via RedBox möglich

⚠️ Nachteile

  • Doppelte Infrastruktur – hoher Hardware-, Kabel- und Kostenaufwand
  • Doppelter Netzwerkverkehr – erhöhte Last auf allen Switches
  • DANP-Endgeräte müssen PRP-fähig sein (oder via RedBox eingebunden werden)
  • Kein Schutz bei gleichzeitigem Ausfall beider Netze
  • Verwaltung zweier paralleler Netzwerke erhöht den Betriebsaufwand

Normative Grundlage

Standard Inhalt
IEC 62439-3 Definition von PRP und HSR
IEC 61850 Kommunikation in Energieautomatisierung (häufigster Anwendungsrahmen)
IEEE 802.3 Ethernet-Grundlage (physikalische Schicht)
IEEE 1588 Precision Time Protocol (PTP), häufig kombiniert mit PRP

Zuletzt aktualisiert: Mai 2026